Sr. Lioba – eine besondere Persönlichkeit

Wir sind stolz auf unsere Mitschwester und ehemalige Leiterin unserer Schule – Sr. Lioba wird als besondere Persönlichkeit gewürdigt.

Unter dem Titel „Mut kann ansteckend sein – Bedeutende Frauen in Würzburg und den Partnerstädten“ hat die Stadt Würzburg hat mit dem Fachbereich Würzburg International eine Ausstellung organisiert, in der je zwei Frauen aus 14 Partnerstädten und aus Würzburg selbst vorgestellt werden, die in ihrer Zeit „etwas Herausragendes geleistet haben“.

Sr. Lioba wurde neben der Künstlerin Emy Roeder als Repräsentantin für Würzburg ausgewählt. Treffend kann man wirklich auch von Sr. Lioba sagen: „Ihr Mut war ansteckend.“

Hier der Text von Frau Barklind-Schwander, ehemalige Ausländerbeauftragte und auch ehemalige Schülerin, der Sr. Lioba portraitiert:

Schwester Lioba Mehler OSU (Ottilie Mehler)

Seit mehr als 300 Jahren ist die St.Ursula-Schule ein Teil von Würzburg. Von Beginn an war sie eine Schule nur für Mädchen.

Ottilie Mehler, 1919 in Würzburg geboren und auch groß geworden, war schon in jungen Jahren sehr an Schule und Unterricht interessiert. Ihre Puppenküche funktionierte sie kurzerhand um in ein Klassenzimmer, ein früher Hinweis auf ihre lebenslange Leidenschaft!

1930 trat Ottilie in die unweit ihres Elternhauses gelegene St.-Ursula-Schule ein. Schon in den folgenden Jahren jedoch zeigte sich der Einfluss der nationalsozialistischen Schulpolitik – die ‚Gleichschaltung‘ des Lehrkörpers, die Entlassung jüdischer, sozialistischer und pazifistischer Lehrkräfte und Schulleiter, gefolgt vom Ausschluss nicht-arischer Schülerinnen. Der Unterricht wurde ideologisch umgestaltet, denn kirchliche Schulen passten nicht ins System. 1937 wurde die St. Ursula-Schule von den Nationalsozialisten geschlossen. Ottilie wechselte an das heutige Röntgen-Gymnasium und legte dort im Jahr des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs, 1939, das Abitur ab.

Die nationalsozialistische Ideologie widersprach ihrem Sinn für Gerechtigkeit und Freiheit. Sie gab deshalb ihr ursprüngliches Vorhaben, Lehramt zu studieren, auf und studierte stattdessen Pharmazie. Einige Jahre lang war sie als Apothekerin in Würzburg tätig. Die Nacht vom 16. auf den 17. März 1945, als Würzburg nach der Bombardierung in Flammen stand, verbrachte sie im Ringpark, um Verletzte mit dem Wenigen, was ihr an Verbandszeug und Medikamenten noch zur Verfügung stand, zu versorgen.

Nach dem Ende des Krieges verwirklichte Ottilie Mehler ihren ursprünglichen Plan und studierte Geographie, Biologie und Chemie für das Lehramt.

Im Jahr 1950 folgte die tiefgläubige Ottilie Mehler ihrem inneren Ruf und trat in das Ursulinen-Kloster ein. Ottilie Mehler war ab nun Sr. Lioba, Ordensfrau und Lehrerin. Um die Schule um einen sozialwissenschaftlichen Zweig erweitern zu können, nahm sie ‚nebenbei‘ ein weiteres Studium auf – Sozialkunde.

Für Sr. Lioba war Unterricht das Werkzeug zur ganzheitlichen Persönlichkeitsentfaltung. Als Frau, in deren Geburtsjahr deutsche Frauen zum ersten Mal ihr Wahlrecht ausüben konnten, setzte sie sich Zeit ihres pädagogischen Wirkens bewusst für die Mädchenbildung und die Mädchenschule als Schutz- bzw. Freiraum für die persönliche Entwicklung und für die Bildung eines standfesten Selbstbewusstseins junger Frauen ein. Auch als die Koedukation in Folge der Bildungsreform 1968 zunehmend zur Regel wurde (in Deutschland stehen den heute etwa 36.000 koedukativen Schulen knapp 130 Mädchenschulen gegenüber), hielt sie unbeirrt daran fest, dass die Kompetenzen der Schülerinnen deutlicher sichtbar werden und entsprechend gefördert werden können, wenn Rollenklischees in den Hintergrund treten. Ihr ging es vor allem darum, den ganzen Menschen zu sehen und das zu fördern, was in ihm angelegt ist.

Mit der Übernahme der Schulleitung für das Gymnasium und die Realschule im Jahr 1958 sah sie sich neuen Herausforderungen gegenüber. Sie trug Jahrzehnte die Verantwortung für anfänglich 600 bis schließlich etwa 1.400 Schülerinnen und deren zeitgemäße Ausbildung. Fachtagungen und Schulleiterkonferenzen waren männerdominiert und verlangten von ihr als Frau und Nonne ein ganz besonderes Durchsetzungsvermögen. Nicht zuletzt deshalb war es Sr. Lioba ein ausdrückliches Anliegen, junge Frauen auf Führungspositionen vorzubereiten. 

Von 1978 bis 1999 war sie, neben ihren Verpflichtungen als Schulleiterin, gleichzeitig Oberin des Konvents der Würzburger Ursulinen.

Nach 37 Jahren übergab Sr. Lioba die Schulleitung an ihre Nachfolgerin. Bis ins hohe Alter verfolgte sie – interessiert und nach wie vor kritisch – politische, gesellschaftliche und kirchliche Entwicklungen.

Sr. Lioba Mehler prägte Generationen junger Würzburgerinnen. Ihr wegweisendes Denken und Handeln, immer den ganzen Menschen im Blick, zeichneten sie aus.

Ihre Inspiration? „Unverschämtes Gottvertrauen“!